Dazwischen
Donnerstag, 26. März 2020

Eine Geschichte für Frau Lakritze

lakritze.wordpress.com

Einmal hab ich als Verkäuferin für Gewand gearbeitet, das war schön, die Chance zu bekommen, da sich damals die Nachfrage nach meinen Fähigkeiten in starken Grenzen hielt.

Dort begann ich zu blühen. Sehr zögerlich doch stetig. Hatte allerlei Ängste, die mir nicht besonders klar waren.

Manchmal war ich alleine dort, so auch an diesem Nachmittag, als plötzlich die damalige Außenministerin vor mir stand und Shirts suchte. Ich war nervös aber in meinem Metier und konnte ihr bei der Auswahl helfen. Das Stück, das ihr am besten gefiel war sehr außergewöhnlich und schön, aber es musste ein bisschen verändert werden.

Ich habe die Schneiderei nie gelernt und mich immer hinter meiner Chefin versteckt wenn es ans abstecken ging. Doch L. war nicht da. Niemand war da außer mir und der Außenministerin.

'Können Sie das abstecken, dann hole ich es nächste Woche!'
'Tut mir leid, es ist niemand von den Schneiderinnen da und ich kann das nicht.'

Sie sah mich an, streng und kurz sprachlos, dann donnerte sie los:

'Wenn Sie sich nichts zutrauen, landen Sie frustriert in einer Ecke, junge Frau!'

Im Moment war mir klar, dass sie recht hatte und außerdem erschien es mir quasi unmöglich, zu wiederholen dass ich das nicht machen könne. Also machte ich es. Mir zitterten die Hände aber ich hab sie nicht gepikst.

Ein paar Jahre später, sehr frustrierter Stimmung, kam ich wiedermal zum Stephansplatz, da sah ich sie auf einer Bank sitzen, es war düster als wäre es später Abend obwohl kurz vor elf Uhr Vormittag, nur ihre Person erstrahlte in dem auf den Platz gebeamten Licht einer Telefonanbieterreklame.

Ich hab es mir zugetraut, schlussendlich.

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